Ohne den sechsjährigen Paul, den Sohn von Frieder Saam, hätte
die Hessische Firma Richter einen Millionenauftrag verloren. Denn
keine Spedition in Europa hätte 300 Tonnen schweren Gussteile über
die Werratalbrücke transportieren können – außer die Haller
Spedition Kübler.
RAINER GRILL
Schwäbisch Hall. Der Schwertransport, der in der Nacht zum
Sonntag in Nordhessen über die Autobahn und Bundesstraßen fuhr, hat
eine Vorgeschichte bis in den vergangenen November. Damals hatte
Heinz Rößler, Geschäftsführer der Gelbinger Spedition Kübler, in
einem Schifffahrtsmagazin die Anzeige des hessischen
Maschinenbaufabrikanten Axel Richter gelesen. Der Unternehmer
suchte jemand, der bis zu 300 Tonnen schwere Gussteile vom
Duisburger Hafen ins Werk nach Hessisch Lichtenau transportiert.
Rößler rief an – und erhielt den Zuschlag für den Landweg ab
Hann.Münden. Wobei von Zuschlag nicht die Rede sein kann. Denn kein
anderer Spediteur wusste eine Lösung, wie mit einem Gesamtgewicht
von 500 Tonnen – das entspricht einem Gewicht von 410 VW-Golf
- die Werratalbrücke befahren werden kann.
„Mir ging das Problem nicht aus dem Kopf“, erinnert sich Frieder
Saam. Der 44-Jährige ist Fahrer und Schwertransportspezialist in
der Gelbinger Spedition. Er hatte die mutmaßliche Transportstrecke
abgefahren, aber keinen Lösungsansatz gesehen. „Beim Spielen mit
Paul haben wir Eisenbahnen und Lastzüge zusammengesetzt – und da
ist es mir spontan eingefallen.“ Sofort ist er noch abends ins Büro
zu Hanne und Heinz Rößler, hat die mitgebrachten Spielzeugautos auf
den Schreibtisch gelegt und einen simplen, aber eben noch nie
dagewesenen Transportansatz aufgezeigt: Kurz vor der Werratalbrücke
werden seitlich zwölf weitere Achsen so anmontiert, dass das
Gewicht exakt auf den Brückenträger ruht. „Wir belasten die Brücke
mit 103 Prozent“, erklärt Heinz Rößler. Da hat der Fahrer weniger
als zehn Zentimeter Spiel, wenn er im Schritttempo drüber
fährt.
Bis Frieder Saam am Samstag um 17 Uhr losfahren konnte,
haben sich etliche Ingenieure den Kopf zerbrochen. Axel Richter:
„Die Kosten für die Statikberechnungen überschreiten 100000 Euro.“
Der eigentliche Transport kostet 80000 Euro, für Absperrungen,
abgebaute Schilder und Ampelanlagen sind 50000 Euro vorgesehen. So
hat etwa Volker Emmeluths Baufirma an der Anlege- und Umlagestelle
zwölf Meter tiefe Betonpfeiler in den Boden gerammt und eine zwei
Meter dicke Betonplatte drauf gesetzt - damit die Kaimauer nicht in
die Weser rutscht und die Kübler-Fahrzeuge und Kräne sicheren Stand
haben.
Sicherheit war bei dem Transport groß geschrieben: Detlev
Irtenkauf vom TÜV aus Hall war seit Mittwoch in Hann.Münden, um
alle Fahrzeugelemente zu überprüfen. Ihm über die Schulter schauten
Experten der Polizei. Oberkommissar Lutz Schulz von der
Polizeidirektion Hannover: „Wir kontrollieren Bremsen,
Reifen, Zugverbindung, Achslasten und das Gesamtgewicht." Danach
kamen die Tieflader auf die Waage - mit und ohne Beladung. Immer
mit dabei: Thorge Clever, Projektleiter der Spedition.
Das Gussteil kommt aus einem Stahlwerk in Sheffield (England).
Die Maschinenbaufabrik Richter (200 Beschäftigte) in Hessisch
Lichtenau ist das einzige Unternehmen in Deutschland, welches
Gussteile dieser Dimension bearbeiten kann. „Wir bohren und fräsen
zehn Wochen im Drei-Schicht-Betrieb“, sagt Firmenchef Richter. Im
August holt die Spedition Kübler den Rohling wieder ab und bringt
ihn zurück zur Anlegestelle nach Hann.Münden. Von dort wird das
Teil in die Saarschmiede Völklingen transportiert, wo die größte
Schmiedepresse Europa entsteht.
Wenige hundert Meter, nachdem Frieder Saam mit seiner
600-PS-Zumaschine losgefahren ist, steht ein Stopp an: Der 240
Tonnen Koloss wird hydraulisch angehoben, Saam zieht den Tieflader
raus und manövriert ihn vor Hunderten von Schaulustigen schräg
wieder drunter. Grund: So wird die Last besser verteilt. Der acht
Meter messende Stahlkoloss ragt beiderseits über den drei Meter
breiten Tieflader.
Danach geht es im Konvoi durch die Stadt. Michael Weber, der in
seinem grünen Kübler-Truck voraus fährt, grüßt die langen Reihen
von Zuschauern am Straßenrand mit seiner Lkw-Fanfare. Wenn Saam auf
den Zentimeter genau fahren muss, teilweise sogar vorwärts und
rückwärts rangieren muss, um Bäume am Straßenrand zu umfahren,
quittieren dies die Schaulustigen mit spontanem Beifall. Bis zur
Autobahn zieht Saam den Tieflader, Jürgen Schwarz schiebt mit
seinem Lkw.
Die Autobahn A7 ist Richtung Kassel komplett gesperrt, als der
Konvoi an der Auffahrt Hedemünden auf sie einbiegt. Nun tickt die
Uhr noch schneller als zuvor. Jeder im 25-köpfigen Kübler-Team
weiß, wo er anzupacken hat. An die Scheuerle-Tieflader aus
Pfedelbach werden spezielle Stahlkonstruktionen von Greiner aus
Neuenstein geschraubt, damit sich das Gewicht auf die zusätzlichen
12 Achsen verteilt. Der Tieflader wird so von drei auf 10,30 Meter
verbreitert. Weil die Brücke an die Grenzen des technisch Möglichen
belastet wird, muss Frieder Saam den Tieflader mit 30 Meter Abstand
ziehen: Ein Stahlseil wird statt der Deichsel eingespannt.
Auf Lärmschutzwällen und auf Autobahnüberwegen stehen tausende
von Schaulustigen. Selbst bei Nieselregeln und Kälte harren sie
zwei, drei Stunden aus, bis der Kübler-Konvoi erscheint. Denn
unterwegs müssen Verkehrsschilder abgeflexst, muss auf der Autobahn
einer von 272 Reifen gewechselt werden – TÜV-Experte Irtenkauf
kontrolliert das Gefährt nach jedem Umbau, zeichnet für die
Verkehrssicherheit ab.
Nach der Brücke steht eine achtprozentige Steigung an. Für Saams
Zugmaschine und ??? LKWs als Schubfahrzeug ist dies zu viel. Das
Stahlseil wird entfernt, Saam wieder direkt an die Deichsel
gehängt. Dazu kommen Jörg Ohr und Micha Weber mit ihren
Zugmaschinen. 2340 PS ziehen und schieben das Gesamtgewicht
von 500 Tonnen nun locker den Berg hinauf.
Nach insgesamt vier Autobahnbrücken baut das Kübler-Team die
Spezialträger und die seitlichen Achsen wieder ab. Die
Mittelleitplanke ist abmontiert, Saam kreuzt die Autobahn und
biegt auf die Ausfahrt Kassel-Ost ein. Danach fährt er zügig
nach Hessisch Lichtenau zur Firma Richter, wo um 9.35 Uhr für
alle ein Frühstück bereit steht.
Nach dem Transport ist vor dem Transport: Im September kommt aus
Sheffield erneut ein großes Gussteil an, dieses Mal allerdings ein
Viertel schwerer. Den Transportauftrag hat erneut die Spedition
Kübler.